Personal tools
You are here: Home Aktuell
Error creating PDF file
Document Actions

Ist gelebter Pazifismus realitätstüchtig?

Rezension „Pazifismus – Ideengeschichte, Theorie und Praxis“ Hrsg.: Barbara Bleisch und Jean-Daniel Strub Haupt-Verlag AG, Bern, 2006 ISBN: 3-258-06947-6

Dieses Buch zum Thema Pazifismus ist keine leichte Kost. Seine HerausgeberInnen – Barbara Bleisch und Jean-Daniel Strub – legen das Hauptaugenmerk auf die Frage: Gibt es in akuten innerstaatlichen oder zwischenstaatlichen Konfliktsituationen mit eskalierter Waffengewalt Lösungsansätze auf der Grundlage gewaltfreien Handelns? VertreterInnen unterschiedlicher Pazifismusströmungen kommen ebenso zu Wort wie erklärte Gegner. Allen Autoren gemein ist das Bemühen um Deeskalation einer bewaffneten Konfliktsituation. Die AutorInnen sind sich auch einig darin, dass ein klarer rechtlicher Rahmen für die Beziehungen zwischen innerstaatlichen Interessengruppen und zwischen Staaten bestmögliche Gewähr gegen gewalttätig eskalierende Konflikte bietet. Umstritten sind die am besten geeigneten Maßnahmen, gewalttätigen Konflikten zu begegnen.

Das Buch enthält auch eine Reihe von Beiträgen englischsprachiger Autoren im Original. Dadurch ist es den HerausgeberInnen gelungen, einen umfassenden Querschnitt der pazifistischen Strömungen in der Westlichen Welt wiederzugeben. Als Deutscher findet man in den Beiträgen eine gute Möglichkeit, die internationale „pazifistische Fachterminologie“ sich im inhaltlichen Zusammenhang anzueignen bzw. wieder aufzufrischen. Kompliziert wird die Orientierung für den Leser dadurch, dass die vertretenen Haltungen eine große Bandbreite aufweisen: Sie reichen von strikter Ablehnung jeglicher Gewalt gegen Andere über die Befürwortung rechtsstaatlich/rechtlich sanktionierter Gewalt (Polizei/Weltpolizei) bis zur Befürwortung begrenzten Einsatzes von militärischer Gewalt. Zudem sind die Grenzen zwischen den Positionen fließend.

Der Großteil der AutorInnen ist in einem solchen Maße um sprachliche Präzision bemüht, dass sie den Leser eher verwirrt. Hier führt die wissenschaftliche Form zu Begriffsneubildungen, die den Sinnzusammenhang eher verkomplizieren als verständlicher machen. Folgerichtig ist deshalb ein erkenntnistheoretischer Beitrag von Olaf L. Müller, einem Sprachphilosophen. Er setzt sich mit der Frage auseinander, auf welchen belegten Tatsachengehalt gelungener Konfliktlösungen sich Befürworter und Gegner von Gewalt in ihren Verlautbarungen berufen können. Er ermutigt dazu, die in die Debatte geworfenen Formulierungen sprachlich daraufhin zu überprüfen, was wirklich durch Erfahrung belegt und was bloße Spekulation über den Ausgang eines Konfliktes ist. Seine Anregung: Lösungen in einer differenzierteren Auseinandersetzung zu finden.

Als einen interessanten Gedankenansatz, konstruktiv aus der Gewaltspirale herauszufinden, empfand ich auch den Beitrag der Autorin Soran Reader. Sie stellt den in den letzten Jahren ins Zentrum gerückten internationalen Terrorismus in den Kontext von Naturkatastrophen. Sie legt so einen völlig anderen Umgang mit dieser Herausforderung nahe, der den Terrorismus an einer zentralen Stelle trifft, in seinem ideologischen Anliegen ernst genommen werden zu wollen.

Unangenehm aufgefallen ist mir der teils rüde/herablassend polemische Ton zwischen VertreterInnen unterschiedlicher Positionen, der es erschwert, eine lösungsorientierte Debatte zu führen.

Religiöse Anschauungsfragen im Umfeld der pazifistischen Debatte treffen bei einer wissenschaftlichen Annäherung auf große Vorbehalte. Diesbezüglich üben sich die HerausgeberInnen in strikter Abstinzenz. Ihrer Skepsis gegenüber der Rolle einer spirituellen Anbindung des Menschen in freiheitlicher - nicht an eine Konfession gebundener Gesinnung - kann ich nicht ganz folgen. Persönlichkeiten wie Gandhi, aus dem christlichen Umfeld der Friedensbewegung oder der Dalai Lama legen nahe, dass die Arbeit an der Überwindung des eigenen Gewaltpotentials einen zentralen Beitrag zur Verwirklichung gewaltfreien Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen darstellt.

Bedauert habe ich, dass Konzepte der nachhaltigen Vorbeugung gegen gewalttätige Konflikte durch die Entwicklung einer demokratischen Kultur in allen Bereichen des Lebens und Wirtschaftens (z.B. Soziale Verteidigung) nur am Rande Erwähnung finden.

Inhaltlich könnten die Beiträge in diesem Buch die Debatte in der Friedensbewegung bereichern und die Besinnung auf die Stärken eines praktisch politisch gelebten Pazifismus befördern. Leider gelingt es den HerausgeberInnen und AutorInnen nicht, sich sprachlich aus dem Ghetto des friedenspolitischen Wissenschafts- und Beratungsbetriebes zu lösen. So bleiben ihre Gedanken einem breiteren politischen Publikum verschlossen. Die Einführung in das Thema in diesem Buch ist auch für einen ausgefuchsten Wissenschaftler schwere Kost. Meine Empfehlung: Mit den Beiträgen der AutorInnen beginnen und die Einführung als Nachtisch aufsparen.

« May 2012 »
Su Mo Tu We Th Fr Sa
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

This site conforms to the following standards: